Sonus Loci – Sound – #2 – Lambda Labs

Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes
Das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus
(Lao Tse)

 

 

LAMBDA LABS haben SONUS LOCI zu ihrem Referenzprojekt erkoren!

Aber lesen und schauen Sie selbst!

SONUS LOCI – LAMBDA LABS

(mit Text, Bildergalerie, Video)

 

 

Sonus Loci – Sound – #1 – Lambda Labs

Es ist sicher interessant, mehr als ein paar Worte zu Lambda Labs zu sagen, unserem Kooperationspartner bei  diesem Sonus Loci Projekt.

Ich bin ja nach dem Konzert mehrfach angesprochen und gefragt worden, wie denn dieser beinahe unheimlich klare „Sound“ zustande gekommen wäre:

Das liegt natürlich auf der Kompositionsseite an den verwendeten Algorithmen zur Klangbearbeitung und an der Qualität des Ausgangsmaterials, bzw. an der Mikrophonierung. Aber dazu später.

Im Fall einer Live Aufführung liegt es aber in erster Linie an der Qualität des verwendeten technischen Materials zur akustischen Wiedergabe, an den verwendeten Lautsprechern.

Wir haben für Sonus Loci im Ulmer Münster 14 Lautsprecher im Hauptraum (neben 6 weiteren im Chorraum) verwendet, die mit eigenen Signalen einzeln angesteuert und geregelt wurden. Das bedeutet aber auch, dass im Extremfall ein jeder einzelne dieser Lautsprecher in der Lage sein muss, die gesamte Last (!) der Beschallung quasi im Alleingang zu bewältigen. Das Beschallungskonzept von Sonus Loci sieht ja keine PA-Anlage im klassischen Sinn vor, sondern ist eigentlich ein rein ortsbezogenes elektro-akustisches Instrument, dass als solches „gespielt“ wird.

Wir hatten das Glück dafür den Typ TX-2A von Lambda Labs verwenden zu können, immer noch relativ kleine, leicht handhabbare Lautsprecher (mit 12 Zoll Tieftöner und 1.75 Zoll Hochtöner, mit insgesamt 1000W Verstärkerleistung und digital programmierbaren Einstellungen). Sie besitzen auch den Vorteil von zwei unterschiedlichen gewinkelten Abschrägungen, die es möglich machen, die Lautsprecher schräg nach oben „strahlend“ als Bodenmonitor einzusetzen (mit einer eigens dafür konzipierten Klangeinstellung).

Wir haben ja für Sonus Loci die Lautsprecher, die wir alle am Boden situiert hatten, nicht direkt ins Publikum gerichtet (d.h. auf die Sitzreihen), sondern durch eine indirekte Beschallung den Raum angeregt. Die Aussenwände wurden von 8 Lautsprechern in etwa 10m Entfernung in verschiedenen Winkeln „bestrahlt“ und die weiteren 6 Lautsprecher nutzten die dicken, mehrfach mit Innenwölbungen versehenen Innensäulen mit ca. 2m Abstand als Schallbrechung und Verteilung. Dadurch entstanden recht unterschiedliche akustische Zonen, die in der Komposition mit berücksichtigt worden waren. Der sehr lange, aber klar definierte Nachhall des Kirchenraumes wird so auf unterschiedliche Weise ins Spiel gebracht.

Mit den Lambda Labs Lautsprechern konnte trotz dieser unüblichen und ungewohnten Aufstellung ein ganz klares und dennoch beinahe magisches Klangbild erzeugt werden. Viele Lautsprecher erzeugen ja den gewünschten Schalldruck mit ebensolchen, mit Druck; ein Phänomen, dass man ganz stark wahrnimmt und das im Zuhörer oft auch das Gefühl einer Anstrengung aufkommen lässt (das passiert durch ein dynamisch verändertes Spektralverhalten, eine Art Verzerrung, wenn man so will – unsere Stimme ändert sich ja auch, wenn wir schreien).

Lautsprecher, die im PA Bereich Verwendung finden, haben oft ganz charakteristische Eigenschaften, was aber ihre Verwendung für spezielle Zwecke einschränkt. Für ein „Instrument“, wie das für Sonus Loci entworfene, brauche ich aber Lautsprecher, die sowohl im leisen Bereich als auch im lauten Bereich die selbe Genauigkeit und Mühelosigkeit an den Tag legen. Nichts ist schlimmer, als wenn man spürt, wenn die leisen, diffizilen Passagen „im technischen Nebel“ verschwinden. Leider scheint das bei den meisten Lautsprechern heutzutage die Regel zu sein.

Die Mühelosigkeit mit der die TX-2A die von ihnen geforderten Aufgaben meisterten, ließen in keinem Fall dieses Gefühl eine Anstrengung, einer Angestrengtheit, aufkommen, im Gegenteil, man könnten meinen, Dynamik wäre etwas ganz natürliches. Das Klangbild blieb vollkommen stabil, irrespektive der geforderten Lautstärke.

Es mag ja sein, dass die TX-2A, die hier im Vollbereichmodus arbeiteten und auch den gesamten Tieftonanteil (es gab ja keine Subwoofer) übernehmen mussten, von der geforderten Lautstärke unterfordert waren, also noch viel lauter können, und es mag auch sein, dass der von mir geforderte Dynamik-Spielraum bei klassischen Beschallungsaufgaben eine eher unwichtige Rolle spielt, aber genau diese, für das Spiel notwendigen akustischen Bereiche finden zu können, ohne an den eingeschränkten Möglichkeiten der Lautsprecher hängen zu bleiben, ist für mich ein Qualitätskriterium, dass gar nicht hoch genug zu bewerten ist.

Zusätzlich zum dynamischen Spielraum, kommt die mühelose „Schnelligkeit“, mit der diese Lautsprecher den dynamischen Bewegungen folgen können. Auch hier bleibt die Klarheit der Impulse vollständig bestehen und diese werden nicht „gequetscht“, wie auch das heute vielfach der Fall ist. Es hat mich erstaunt, dass trotz der eher klassisch konventionellen Technik (na ja, zumindest von außen besehen…), so viel Know-How in diesen Lautsprechern steckt, dass eine neue Ebene der Klangqualität errreicht werden kann.

Noch ein Wort zur Handhabung: Die Lambda-Labs Lautsprecher sind relativ leicht, und mit passenden Griffen perfekt handhabbar. Das ist für ein schnelles Auf- und Abbauen (wie es für Sonus Loci leider auch notwendig war) ein großer Vorteil. Die Leichtbauweise steht aber in keinem Gegensatz zur Stabilität, auch unter Belastung vibriert und dröhnt nichts. Es ist ja offenbar doch durchgedrungen, dass die Gehäusequalität auch einen recht großen Anteil an der Klangqualität der Lautsprecher hat – dabei geht es nicht nur um die Bässe, sondern vielmehr um die Sauberkeit bei den mittleren und höheren Frequenzen. Und muss ich noch sagen, dass Rauschen, Knistern, oder andere „typische“ Begleiterscheinungen üblicher PA-Anlagen für unser Sonus Loci Setup überhaupt kein Thema waren?

(Skizze folgt…)

Vielen Dank an Steffen Kroschel von Lambda-Labs für seine ausdauernde und tatkräftige Hilfe beim Aufbau und seine kundigen Vorschläge bei den Feineinstellungen! Well done!

Wandern durch den Klang

aus der Südwestpresse vom 21.07.2015:

„Sonus loci“ heißt ein besonderes musikalisches Projekt zum Münsterturmjubiläum

Dem Klang des Münsters wollen sie nachgehen – ganz in echt: Fünf Musiker und eine Pfarrerin erforschen am Freitag mit Musik und Wort den „Sonus loci“. Ein Projekt zum Turmjubiläum.

LENA GRUNDHUBER | 21.07.2015

Wenn jemand weiß, wie das Münster klingt, dann ist es Tabea Frey. Schließlich ist es der Beruf der Pfarrerin, die Kirche regelmäßig zu „besprechen“. Das Hauptschiff, sagt sie, habe einen langen Nachhall. „Aber der Chorraum ist ein Sprachraum, der ist für mich wie Butter.“ Am Freitag wird sie deshalb nicht von der Kanzel reden, sondern von diesem „intimen Raum“ aus, so wie es passt für den Psalm 84,1-5, in dem es heißt: „Der Vogel hat ein Haus gefunden/und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen.“

Sollen doch Wort und Raum eine ganz besondere Verbindung eingehen an diesem Abend, den die Geistliche mit fünf Mitstreitern ins Werk setzt. Beziehungsweise in Klang, denn Worte sind nur ein Element des vierteiligen Konzerts „Sonus loci“; konzipiert zum Münsterturmjubiläum ist es eines der städtisch geförderten Projekte. An die 10 000 Euro – etwa die Hälfte des erforderlichen Budgets – hat die Gruppe bekommen für den schönen Gedanken: „Ein Raum, der schon klingt, wird zum Klingen gebracht“, so erklärt ihn Frey.

Die Idee stamme vom Komponisten Klaus Hollinetz, der das Konzept ähnlich schon verwirklicht habe, sagt Projektleiterin Elisabeth Haselberger. Die Blockflötistin wird den musikalischen Teil des Konzerts zusammen und im Wechsel mit Jürgen Grözinger an den Percussions und Alexander Moosbrugger an den Orgeln bestreiten, Tontechnik und Sound Design übernimmt Andreas Usenbenz – und Komponist Hollinetz steht als eine Art geistlicher DJ am Pult. Grundlage nämlich sind die Ergebnisse „akustischer Vermessungen“, die er schon lange zuvor unternommen hat, wie Haselberger erklärt. Aufnahmen mit den Mitwirkenden hat er zu 20-Kanal-Soundtracks verarbeitet, zu denen die Musiker wiederum spielen und improvisieren werden. „Es sind keine starren Module, wir haben die Möglichkeit, damit kreativ umzugehen“, sagt Haselberger. Das Gehen darf man wörtlich nehmen: Die Musik wird ihre Zuhörer an vier verschiedene Orte im Münster führen, das immer anders antwortet. Den Beginn macht Elisabeth Haselberger mit einem Marienhymnus, gefolgt von einem elektronisch paraphrasierten Madrigal und einem weiteren Stück aus dem 14. Jahrhundert, dem Jahr der Grundsteinlegung des Münsters. „Überschreibungen der Zeit“ ist dieser Teil 1 am Kanzelaltar überschrieben, „mit historischen Referenzen an die Zeit, als die mittelalterliche Musik auf ihrer komplexen Höhe war“.

Der zweite Teil führt zum Chorraum und damit zu Grözinger und Frey, die zum Beispiel auch den Text der Grundsteinlegung 1377 lesen wird. Passend zum Text des Psalms spielt Alexander Moosbrugger die Schwalbennestorgel als Überleitung zu Teil III mit elektroakustischen Kompositionen und Glockenspiel, in Teil IV finden alle Instrumente zusammen.

„Es ist auch eine kleine Materialschlacht“, sagt Elisabeth Haselberger. 2000 Meter Lautsprecherkabel müssen verlegt werden. Trotzdem: „Sonus loci“, so wünschen sich die Verantwortlichen, soll kein Event, sondern ein Konzert sein. Die Zuhörer sollten sich die Zeit nehmen, damit Konzentration und eine „Hörergemeinschaft“ entstehen kann. Nur ein Zugeständnis an die unruhige Welt da draußen gibt es: Wer nach der Eröffnung der Triennale in der Kunsthalle Weishaupt kommen möchte, erhält um 20.30 Uhr noch Einlass.

 

Info „Sonus loci“: Freitag, 24. Juli, 20 bis 23 Uhr. Abendkasse ab 18 Uhr am Nordportal. Reservierungen: 0731/729 93 64, www.ulm125.de

 

http://www.swp.de/ulm/lokales/ulm_neu_ulm/Sonus-loci-heisst-ein-besonderes-musikalisches-Projekt-zum-Muensterturmjubilaeum;art4329,3342608

zur Wirklichkeit

„Andererseits ist mit alledem nicht gesagt, dass es überhaupt eine Welt, irgendein Ding geben muss. Existenz einer Welt ist das Korrelat gewisser, durch gewisse Wesensgestaltungen ausgezeichneter Erfahrungsmannigfaltigkeiten. es ist aber nicht einzusehen, dass aktuelle Erfahrungen nur in solchem Zusammenhangsformen verlaufen können; rein aus dem Wesen der Wahrnehmung überhaupt und der anderen mitbeteiligten Arten erfahrender Anschauungen ist dergleichen nicht zu entnehmen. Vielmehr ist es sehr wohl denkbar, dass nicht nur im Einzelnen sich Erfahrung durch Widerstreit in Schein auflöst, und dass nicht, wie de facto, d. i. wie es die Empirie in ihrer Art (also nicht etwa apodiktisch) zweifellos macht, jeder Schein eine tiefe Wahrheit bekundet und jeder Widerstreit an seiner Stelle gerade das durch weiterumfassende Zusammenhänge für die Erhaltung der gesamten Einstimmigkeit Geforderte ist; es ist denkbar, dass es im Erfahren von unausgleichbaren und nicht nur für uns, sondern an sich unausgleichbaren Widerstreiten wimmelt, dass ihre Erfahrung mit einem Mal konsequent sich gegen die Zumutung, ihre Dingsetzungen jemals einstimmig durchzuhalten, widerspenstig zeigt, dass ihr Zusammenhang die festen Regelordnungen der Abschattungen, Auffassungen, Erscheinungen einbüßt, und dass das wirklich in infinitum so bleibt – dass es keine einstimmige setzbare, also seiende Welt mehr gibt. Es mag dabei sein, dass doch in einigem Umfang rohe Einheitsbildungen zur Konstitution kämen, vorübergehende Haltepunkte für die Anschauungen, die bloße Analoga von Dinganschauungen wären, weil gänzlich unfähig, konservative <Realitäten>, Dauereinheiten, die <an sich existieren, ob sie wahrgenommen sind oder nicht>, zu konstituieren.“

Edmund Husserl in §49 Band 1 der „Ideen zur reinen Phänomenologie“

….

„Denn wenn man von vornherein auf nicht mehr eingestellt wäre als auf <vorübergehende Haltepunkte für die Anschauungen>, <bloße Analoga von Dinganschauungen>, so würde man nicht erwarten, von einer Welt berichtet zu bekommen, in der alles so plan verläuft wie in der täglich gewohnten und vor Vertrautheit schon fast nicht mehr wahrgenommenen Wirklichkeit.“

Helmut Heißenbüttel

….

flow27

SONUS LOCI IV Der Große Raum / Grand Space

Mächtige Wogen durchziehen den Raum, dessen Wände sich aufzulösen scheinen, Platz machen für einen unsichtbaren Horizont und unauslotbare Tiefe. Und obwohl das Bauwerk fest am Grund steht, öffnet es sich doch zu den Sternen, macht Platz für ein noch weiträumigeres Gebilde, Wohnstatt und Zuflucht „im Geviert des Großen Bären“.

Ich erinnere mich, in welcher Stimmung ich das erste Mal das Münster betrat. Da schien es, als durchströmte ein beinahe unmerklicher Wind den großen Raum, dessen Dimensionen durch die pure Größe nur sehr vage erfassbar waren, ein Wind, der die Kerzenflammen leicht erzittern ließ. Es kam mir vor, als würden Gedankenströme auf unsichtbaren Bahnen durch den Raum fließen, als würden die mächtigen Mauern durchlässig, wie die mit leichtem Stoff bespannt. Klänge durchfluteten den Raum, Orgeltöne, die in der Erinnerung zu einem einzigen langen umfassenden Ton verschmelzen, vermischt mit dem dunklen Rauschen des Gemurmels der unablässig herein- und hinausströmenden Besucher.

Ein Raum, der wie eine Welt selbst ist, mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, ein Raum im Raum dieser Welt, ein Abbild der unseren vielleicht, im Kontext der Unermesslichkeit des Universums.

Man sieht, wenn man die Wände entlangstreift, dass immer noch Neues geschieht, die Menschen dieses Haus mit immer neuen Beziehungen weiter aufladen. Auch erinnert uns die Bauhütte daran, dass dieses Haus in einer permanenten Erneuerung und Verwandlung begriffen ist, immer wieder taucht scheinbar Vergangenes bei Renovierungen auf.

Ein festes Bauwerk, ein Felsen gleich, der einen Raum umfasst, eine scheinbare Leere, die doch dem Bauwerk erst Sinn gibt:

Dreißig Speichen treffen die Nabe / die Leere dazwischen macht das Rad.

Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen / die Leere darinnen macht das Gefäß.

Fenster und Türen bricht man in Mauern / die Leere inmitten macht die Behausung.

Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes. Das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.

(Lao Tse)

Verschiedene Instrumente, wie unterschiedliche Flöten und perkussive Instrumente, spielen im Raum verteilt, zusammen mit der wie frei gelassenen großen Orgel, scheinen ihn ausmessen zu wollen, ihn in seinen Dimensionen zu fassen versuchen. Und doch steigt ein jeder Klang einfach schwerelos auf, wird weit wie der Raum selbst.

Auch die elektronischen Klänge dieses Teiles entstammen diesen Instrumenten, aber es ist beinahe so, als wehten sie wie zufällig herein, breiteten sich aus mit Bedacht und ohne Hast, nur um wieder ohne Spur zu verschwinden.

„Wer kann den Raum durchdringen“, fragt der Philosoph Massimo Scaligero, „dem Strömen der Zeit begegnen? Nur wer sich ohne Täuschung aus den Bedingungen des Sinnlichen zu befreien vermag und den Raum und die Zeit hinter sich lassen kann, die man für wirklich hält, weil sie messbar sind: aber die Wirklichkeit von Raum und Zeit ist Unermesslichkeit.“

Aber ist es nicht so, dass auch wir alle Wanderer sind und wir uns auf unsichtbaren Strömen wie temporäre Besucher durch die großen Hallen unserer Gegenwart tragen lassen?

….

Spielort: Mittel- und Seitenschiffe – Hörzone: im gesamten Kirchenraum

SONUS LOCI III Ordnung des Imaginären / Order Of The Imaginary

Befreit von allem Zierrat präsentiert sich der Raum in seiner puren Gestalt – eine zeitlose Form, die gleichzeitig eine universelle ist. Mauern, Holz und Stein, eine riesige Muschel, in der das Rauschen, das in ihrem Inneren hörbar wird, gleichsam eine Verdichtung aller bekannten Klänge zu umfassen scheint.

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) teilte die Entwicklung des Menschen – des „Subjektes“ – in drei prägende Ordnungen ein, die das Verhältnis der Welt bestimmen, der imaginären, der symbolischen und der realen. Die Ordnung des Imaginären ist die Welt der Bilder, Ideale und Phantasmen. Die Ordnung des Symbolischen stellt die Welt der Zeichen, der allgemeingültigen Bedeutungen und Konventionen dar und die Ordnung des Realen umfasst dann den Rest, eine Welt mit all dem, was aus beiden Ordnungen herausfällt.

Der Begriff „imaginär“ leitet sich vom lateinischen Wort für Bild (imago) sowie von „Imagination“ (Vorstellungskraft, Einbildungskraft) und dem Adjektiv „imaginarius“ (eingebildet) her. Der Begriff des Imaginären taucht schon in der mittelalterlichen Philosophie auf und wird der Sache nach bereits bei Aristoteles als Phantasie behandelt. Die ausschließliche Konnotation des Begriffs „imaginär“ mit „eingebildet“ ist insbesondere im deutschen Sprachraum bis heute wirksam, wodurch als imaginär oft unwirkliche, nur vorgestellte Gegenstände bezeichnet werden, Trugbilder, Halluzinationen, Täuschungen, Hirngespinste. Das Imaginäre ist für mich aber ein Sammelbegriff alles Bildhaften, Vorsprachlichen, alles Vorgestellten, individuell und kollektiv. Es ist die Welt des Kindes, das sich erkennend „in den Spiegel blickt“ (das Lacan’sche Spiegelstadium), es ist die Welt, aus welcher Ideen geboren werden, aus deren Tiefe das aufsteigt, das „noch keinen Namen hat“, das Unbezeichnete, das Unklassifizierte.

Im Imaginieren schaffen wir uns unsere Welt. Die Imagination ist noch „unvernünftig“ und sie vermag den Unterschied zwischen Wissen und Glauben noch nicht zu erkennen.

Das Münster stellt hier, als ein aus dem Zeitkontext gelöstes Kunstwerk die Projektionsfläche für Klänge dar, die ganz tief aus dieser Imagination stammen. Der Turm scheint sich in seiner Länge im Raum auszubreiten, sich in einen klingenden Raum verwandelt zu haben. Die Glocken, selbst in ihrem Klang eine Projektionsfläche für Zeit, Macht und Geschichte, mit ihren in unser Unterbewusstes vorgedrungenen zyklischen Melodien, scheinen heruntergestiegen zu sein, um sich in dieses Rauschen zu mischen, ein Wispern, ein nicht artikuliertes Sprechen, das uns an die Träume und an die selbstvergessenen Gesänge der Kindheit erinnert.

Dieser Teil verwendet in den elektronischen Klängen neben den Klängen der Glocken ausschließlich die vorweg aufgenommenen Klänge der beteiligeten MusikerInnen. Klänge, die nun vielleicht für manche Ohren fast selbst schon „elektronisch“ klingen, wurden hier noch weiter transformiert, bis sie sich beinahe im Rauschen auflösen.

Hören wir dieses Rauschen aber nicht immer, selbst dann, wenn wir uns in Stille wähnen?

Alle Klänge dieser Welt sind in den gewundenen Bögen der Muschel gefangen – wir halten unser Ohr daran und befreien sie.

….

Spielort: im Hauptschiff – Hörzone: im gesamten Kirchenraum, bevorzugt im vorderen Bereich

 

SONUS LOCI IV Der Gedanken Raum / Room For Thoughts

So wie die Musik zwischen den Klängen nicht aufhört zu sein, so hört auch das Denken nicht auf, inmitten von Einfällen und Markierungen des Geistes. Vielleicht bildet sogar dieser Zwischenraum die eigentliche Musik, im Klingen des Raums, im Kaleidoskop der Gedanken.

Das Münster, ein viel besuchter Ort von Einheimischen und Touristen zum Ruhigwerden und Innehalten im Trubel des Marktes und der Innenstadt, ist auch seit Langem ein wichtiger Ort für geistige und künstlerische Begegnung. Unzählige Konzerte und künstlerische Aktivitäten zeugen davon. Für mich steht dieses Bauwerk mit seiner klaren Architektur für die Überbrückung der Kluft zwischen Kunst und Glauben, wenn es denn je eine solche gab, und für eine Offenheit im Denken und Denkbaren.

„Jakob träumte – und als er von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“

Gesprochene Worte, die von Tabea Frey aus ihrem und aus dem Umfeld der Kirche ausgewählt wurden, aus Grabinschriften, aus dem Grundsteinrelief und aus biblischen Texten eröffnen einen Raum für unsere Gedanken und Bilder.

Wir schweifen ab, in dem Raum, den uns die Geometrie der Texte übriglässt. und mühelos entdecken wir unsere eigenen Texte zwischen den Zeilen. Dabei beginnt die Sprache, aufgelöst in mikroskopische Partikel, herumzuwirbeln und neue Figuren zu bilden, manche flüchtig, und wieder andere mit lange nachklingendem Echo.

Die elektronischen Klänge dieses Teiles stammen ausschließlich aus dem Sprachklang der verwendeten Texte. Die Transformationen legen Bedeutungen frei, die wie ein Geheimnis zwischen den Worten zu entstehen scheinen. Dazu erklingt fast unhörbar das Atmen der Flöte und skandierend der wilde Klang der Trommel, Gedanke und Botschaft zugleich. Hoch über diesen Klängen schwebt die Orgel, ein Vogel mit freiem Flügelschlag.

….

Spielort und Hörzone: im Chorraum

muenster_chorraum

SONUS LOCI I Überschreibungen der Zeit / Rewriting Time

Wie durch Schichten der Zeit klingt die Musik aus der Vergangenheit herüber, und ebenso gibt das Bauwerk eine Ahnung von vergangenen Epochen: fernes Mittelalter, das bis ins Heute durchscheint. Ähnlich einem Palimpsest liegt hinter jeder Schicht eine noch ältere Grund- und Unterlage für weitere Überschreibungen.

Das Münster, eine der einzigartigen Kirchen im Spannungsfeld von Geschichte und Religionen , gilt als das spirituelles Herzstück der Stadt Ulm. Ein Herz, durch das die Ströme der Zeit fließen, ein altes Herz, das immer wieder neu beseelt und mit pulsierendem Leben erfüllt wurde. Ein starker Plan, eine immer wieder umbaute und erweiterte Form, läßt ein Gebäude aufragen, das sich beinahe gegen die Zeit zu stellen will, allen Unbillen und Veränderungen zu trotzen versucht.

Doch Mauern können bröckeln, werden abgeschliffen von der Erosion der Zeiten. Was verbirgt sich in und hinter den Mauern, die immer weiter aus den Artefakten der Erdgeschichte erstehen? Spuren, die in Stein gebettet sind, feiner Zauber, der aus den Zeiten herüberweht.

So folgt die Musik auf ihrer eigenen Weise diesen Spuren – manche führen in die Irre, manche legen ihre eigene Geschichte bloß; Ebenen in der Zeitenfolge, Plateaus von zerbrechlicher Stabilität. Und beinahe unmerklich, wie aus Augenwinkeln gesehen, sickert unablässig zwischen den Steinen die Zeit heraus.

Der Hymnus Nr.75 aus dem Las Huelgas Codex entstammt dem späten 13.Jahrhundert, entstanden im königliche Kloster Santa María la Real de Las Huelgas, in memoriam der Vorgängerkirche „ennet Veld“, der Marienkirche auf dem Gebiet des heutigen „Alten Friedhofs“. Einige der Kunstwerke und Glocken wurden später in das Münster integriert.

1.Vers: Novis cedunt vetera; celant terrae viscera celum celans cetera, centrum claudit circulum; Das Alte weicht dem Neuen; es verhüllen die Länder ihr Innerstes, während der Himmel das Übrige verhüllt;

5.Vers: Fac, o mater gracie, te cum Patre glorie nos in pace patrie laudare per saeculum. Mach, oh gnadenreiche Mutter, dass wir dich im Ruhm des Vaters und in Frieden auf Erden loben in Ewigkeit.

Das Madrigal La douce chiere enstammt der Feder Bartolino da Padovas (c.1365-1405) aus der Epoche der Ars Nova in Italien. „Das sanfte Antlitz eines wilden Tieres…gepaart mit einem bescheidenen Auftreten. … Ein menschliches Gesicht, die Büste eines Löwen, …was auf ehrliche Art und Weise spricht, ohne zu predigen.“

1377 war Grundsteinlegung der neuen Pfarrkirche, geweiht der Kirchenpatronin Maria, unter großer Anteilnahme der spendenbereiten Ulmer Bürgerschaft. Guillaume de Machauts (ca.1300-1377) Hoquetus David zeichnet sich durch avantgardistische Rhythmik und Harmonik aus, die wir durch Fragmentierung und Improvisation musikalisch unterstreichen möchten.

Sermone Blando; Angelus von John Baldwin (1560-1615) basiert auf dem Hymnus von Thomas Tallis (1505-1585). „With welcome words, the angel said to the women of Galilee, that the Lord would be seen by all.“ Ist die Polyrhythmik des Stückes als Metapher für eine nie zu erreichende ideale Ordnung zu betrachten?

Die Blockflöte, in alter und ganz neuer Musik mehr beheimatet als in klassischer Musik, kann für eine Überbrückungung der Zeiten stehen. Und ist ihre Schwester, die Orgel, nicht eine Sammlung von Flöten? Schlagwerk begleitet diese vielen Flöten, im Spannungsfeld zwischen fixierten und immer wieder neuen unwiederbringlichen Klängen.

Der erste Teil verwendet in den elektronischen Klängen nur Aufnahmen der Stücke als Klangmaterial, das bearbeitet und in eine neue Form gebracht wurde. Ist es nicht doch wieder nur ein neues Bauwerk, erbaut für eine Idee, einen Zusammenhalt, der doch schon immer bestand?

….

Spielzentrum am Kanzelaltar

Das Abschlußstück dieses Teiles wird in der Sam-Kapelle gespielt, und kann vom Publikum von außerhalb der Kapelle wie von Ferne gehört werden.

Inspirationzu den SONUS LOCI Projekten:

KIRCHENRÄUME ALS ÖFFENTLICHE RÄUME. Die meisten Kirchen stehen der Öffentlichkeit als Orte des Rückzugs und der Einkehr zur Verfügung. Die dort geltenden Regeln, Konventionen sowie Tabus werden von den BesucherInnen respektiert und eingehalten.

KIRCHENRÄUME ALS SPIRITUELLE RÄUME. Beim Betreten von spirituellen Versammlungsräumen besteht eine feierliche Erwartungshaltung. Die Menschen halten inne, um zu lauschen und können Musik in all ihren dynamischen und spektralen Facetten bewusster wahrnehmen.

KIRCHENRÄUME ALS KLINGENDE RÄUME. Kirchenräume haben eine charakteristische Akustik, zudem verfügt jede Kirche über ihre einzigartigen individuellen Eigenschaften als Klangraum. Klänge scheinen aufzusteigen, füllen den Kirchenraum aus oder verlieren sich in der Architektur. Der Zuhörer fühlt sich vom Klang eingehüllt, unmittelbar von der Musik betroffen oder berührt.

Mich haben ja Kirchenräume als Komponist und Klangkünstler seit jeher interessiert. Es scheint ja so, dass beim Betreten dieser Orte wie von selbst Musik entsteht, Klänge im Raum eine ganz einzigartige Harmonie entstehen lassen. Dabei scheint es nicht wichtig, ob diese Klänge nun direkt akustisch im Raum oder nur im Kopf entstehen, spannend ist die Tatsache, dass sie sich von Klängen anderer Räume signifikant zu unterscheiden scheinen.

Woran mag das wohl liegen?

Am liebsten würde ich ja immer wieder ein Spontan-Konzert in verschiedenen Kirchen geben. Gar nicht lange ankündigen, sondern es einfach erklingen lassen, einzelne wohlgesetzte Töne oder komplexe Klänge im Raum frei lassen und darauf warten, wo sie hinreisen und zu wem. Das Münster ist so ein Ort, wo es einfach klingt.